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Wo ist das Problem?

Kreativitätstechniken gibt es ja nun wirklich genug. Beim letzten Nachzählen mehr als zweihundert! Und um sie zu vermitteln, ein breites Angebot an Büchern, Seminaren, Vorträgen und Youtube-Videos.

Die Bestseller: Bücher und zweitägige Trainings, in denen zwischen zwanzig und dreißig verschiedene Methoden erläutert und kurz geübt werden. Mehr Werkzeuge im Koffer muss ja besser sein. Im Gegensatz zu Zange, Hammer und Schraubenschlüssel sind diese Werkzeuge jedoch kaum aufgaben-spezifisch.

Ob Brainstorming, 6-3-5- oder Walt-Disney-Methode, ob laterales Denken oder Provokationstechniken: Die Anwenderin, gerade erst zurück vom Seminar, hat die Qual der Wahl. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob der Fahrstuhl fest steckt oder eine Produktidee benötigt wird: Brainstorming geht immer - und alles andere auch.

Was nicht bedacht wurde: Zuviel Auswahl blockiert Entscheidung und Handeln. Entscheidungsparalyse nennt man das.

Also,  die erste Hürde auf dem Weg zu kreativeren Ergebnissen: Zu viele Methoden.

Unser Kreativitäts-Tip: Viel weniger, aber oft!

Schauen wir uns das am meisten verbreitete Prinzip etwas genauer an.

Da gibt es diverse Methoden, die sagen: "Machen Sie sich mal locker, jetzt ist alles erlaubt. Was fällt Ihnen jetzt ein, wo Sie so schön locker sind?" Diese Ansätze haben ein paar Probleme, zum Beispiel:

  • Bei vielen Menschen lösen solche Anweisungen (unbewussten) Widerstand aus. Die können jetzt überhaupt nicht mehr kreativ sein.
  • Manche, die tatsächlich aus ihrer "Box" oder von ihrer Denkschiene runter kommen, sind verwirrt und frustriert. Weil die alte Schiene jetzt weg ist - ihnen aber keine neue angeboten wird. Sie rutschen quasi übers Gleisbett, und das funktioniert nicht.
  • Dann haben wir oft noch ein oder zwei Leute mit einer Agenda. Sie sind schon seit Jahren in eine Idee verliebt und die neue Herausforderung ist eine weitere Gelegenheit, ihr "pet project", etwas anders verpackt, neu vorzuschlagen.

Sie denken vielleicht, das ist jetzt etwas übertrieben negativ - wird aber von den meisten Organisatoren und Teilnehmern typischer Brainstormings seufzend bestätigt. Und es deckt sich auch mit unseren persönlichen Erfahrungen aus der Zeit vor SolidCreativity.

Sicher gibt es gelegentlich auch ein Brainstorming-/Brainwriting-/Walt-Disney-Methode-/6-3-5-Meeting, in dem eine wirkliche geniale Idee entsteht. Aber ist das die Regel oder die Ausnahme? Oft hätte man bei einem gemeinsamen Spaziergang eine noch bessere gefunden. 

Ähnliches gilt für die meisten der verbreiteten Techniken: Sie sind einfach und schwach strukturiert, geben der Ideensuche kaum Struktur, Orientierung und Inspiration. Wir notieren deshalb als zweite Hürde: Zu schwache Methoden.

Die meisten Top-Führungskräfte haben ein unbestimmtes Gefühl, dass ihre Organisation mit mehr Kreativitätsmuskel viel erfolgreicher sein könnte. So wie Apple, Google - und auch die Vordenker und Vormacher in traditionellen Branchen. Deshalb das Credo: Wir müssen kreativer-innovativer-flexibler werden. 

Aber das Angebot an organisch Kreativen ist leider gering, wie wir gesehen haben. Plan B lautet: Mitarbeiterentwicklung. Also die Vermittlung von zu vielen, zu schwachen Methoden in lauwarmen Trainings - ohne innere Überzeugung und praktisches Handeln back-on-the-job. Was für die Entwicklung von Kompetenz so wichtig wäre.

Also die dritte und letzte Hürde: Fehlende Vision einer kreativen Organisation.

"Fast alle Menschen einer Organisation können kreative Lösungen und Ideen entwickeln. Sie brauchen dazu nur die richtige Methode - und zu Beginn regelmäßige Anregungen und Feedback. Es ist einfacher, als man denkt. Und lohnender, als man sich vorstellen kann."

Verbreitete Methoden für Kreativität und erfinderisches Denken

Kreativitätstechniken sollen die Ideenfindung allein oder im Team organisieren und unterstützen. Die zu findenden Ideen sollen dabei existierende Systeme verbessern.

Diese Systeme können Produkte, Bauteile, Prozesse, Produktionsanlagen, Organisationen, Dienstleistungen oder (EDV-) Programme sein. Eine Verbesserung kann die Lösung eines bestehenden Problems oder eine Wertsteigerung des Systems bedeuten. Eine strukturierte Kreativitätstechnik besteht aus Denkwerkzeugen, Regeln für deren Verwendung und einer zeitlichen Abfolge. 

Kreativitätstechniken werden in vielen Entwicklungsprojekten zur Ideenfindung verwendet. Sie ermöglichen häufig ein besseres Projektergebnis. Sie verbessern die Chance, elegante, nicht-lineare Problemlösungen zu finden.

Der Einsatz einer Kreativitätsmethode liegt nahe, wenn die zu bearbeitende Aufgabe wichtig ist und durch Erfahrungswissen, Formeln oder Experimentieren nicht hinreichend gut gelöst werden kann.

Merkmale und Typen von Kreativitätstechniken

Es gibt mehrere Ansätze, um die mehr als zweihundert Kreativitätsmethoden zu gruppieren. Hier gehen wir davon aus, dass wir Kreativitätstechniken einsetzen, um innovative, machbare und nützliche Verbindungen zwischen bisher nicht verbundenen Konzepten zu erzeugen. Das Entwickeln solcher Verbindungen nennen wir "assoziieren".

Betrachten wir, als Beispiel, den Entwicklungsschritt von der normalen Zahnbürste hin zur Wechselkopfzahnbürste. Stellen wir uns jeweils vor, wie dieser Schritt unter Verwendung der verschiedenen Arten von Kreativitätsmethoden erfolgt sein könnte. Überlegen wir uns auch, wie wahrscheinlich es bei jeder Kreativitätsmethode ist, die innovative Idee zu entdecken.

Die Wechselkopfzahnbürste ist eine innovative Verbindung zwischen der einfachen Zahnbürste und dem Innovationsprinzip der Aufgliederung eines Produktes in eine langlebige und eine Verbrauchskomponente. Bestimmt fallen Ihnen noch andere Produkte ein, bei denen dieses Prinzip eine wichtige Rolle spielt.

Freies Assoziieren

Dies ist die einfachste Art von Kreativitätstechniken. Wichtige Vertreter des freien Assoziierens sind das Brainstorming und seine vielen Varianten. 

Beim Brainstorming mit dem Zahnbürstenbeispiel würden Workshopteilnehmer eingeladen, ohne irgendwelche Beschränkungen, möglichst viele Ideen zur Weiterentwicklung der Standardzahnbürste vorzuschlagen. Das Konzept "Wechselkopfzahnbürste" kann dabei aufkommen  oder nicht. 

Es hängt davon ab, ob einer der Teilnehmer zufällig, intuitiv das Prinzip "Aufteilen und neu organisieren" von einem anderen Produkt - wie dem Nassrasierer - auf das Thema überträgt. 

Provokationstechniken

Diese Kreativitätstechniken gehen davon aus, dass unser Denken sich meist in begrenzten Bahnen bewegt. 

Die Denkbahnen verhindern, dass wir in der Phantasie neue, ungewohnte Verbindungen herstellenkönnen. Damit uns dies möglich wird, verlassen wir mit Hilfe von Provokationen von aussen die eingefahrenen Denkbahnen. 

Im Zahnbürstenfall würden wir unsere Aufmerksamkeit gleichzeitig auf die Standardzahnbürste und ein Zufallsobjekt richten. Zufallsobjekte sind Begriffe, Bilder, Personen oder anderes. Mit beiden Konzepten im Fokus sollen sich neuartige, möglichst nützliche Ideen entwickeln. 

Unser Zahnbürsten-Entwicklungsteam könnten wir so auffordern, nach Innovationsideen im Zusammenhang mit dem zufällig gewählten Begriff "Bahnhof" zu suchen. 

Von der Kombination der beiden Konzepte bis zur Wechselkopfzahnbürste ist es ein langer Weg. Hätten wir bei der Wortwahl zufällig den Begriff "PC-Drucker" oder "Nassrasierer" gewählt, wäre es wesentlich einfacher. Diese verwenden bereits das erwähnte Innovationsprinzip und könnten uns den benötigten Impuls geben. So bleibt hier viel dem Zufall überlassen.

Erfinderisches Denken

Mehr als achtzig Prozent aller erfolgreichen Produkt- und Lösungsinnovationen lassen sich auf nur sechs Innovationsprinzipien zurückführen.

Wir haben oben das Beispiel der Aufgliederung eines Produktes in eine langlebige Komponente und eine Verbrauchskomponente gesehen. Dieses Prinzip erkennen wir auch bei Druckern, Rasierapparaten, Schreibgeräten und vielen anderen Produkten. 

Die führenden Methoden, die mit erfinderischen Prinzipien arbeiten sind ASIT und TRIZ. 

Beim Zahnbürstenbeispiel würde ein ASIT-Innovationsteam unter anderem systematisch fragen, welche Innovationschancen durch eine Abtrennung des Bürstenkopfes vom Griff und durch eine Multiplikation der Komponenten entstehen.

Die erfinderischen Prinzipien leiten die Teilnehmer etwa zwei Drittel der Strecke vom Ausgangsprodukt zur Innovationsidee. Die Teilnehmer benötigen wesentlich weniger Phantasie und Imagination, um die innovative Idee zu entdecken. 

So ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Idee im Rahmen der Ideensuche tatsächlich finden, wesentlich gestiegen.

Vervollständigen, Kombinieren und Strukturieren

Zuletzt gibt es Techniken, die das jeweilige Innovationsthema durch das Strukturieren, Vervollständigen und Visualisieren von Informationen übersichtlicher machen. 

Hierzu gehören Mindmapping und der morphologische Kasten, aber auch einfache Listen. Sie werden meist zur Unterstützung der anderen Kreativiätstechniken eingesetzt. 

In unserem Zahnbürstenbeispiel kann ein morphologischer Kasten waagerecht die möglichen Varianten der einzelnen Komponenten darstellen und virtuell neu miteinander zu kombinieren. Diese Varianten selbst müssen allerdings entweder schon bekannt sein oder mit Hilfe anderer Kreativitätstechniken erzeugt werden. 

Kreativitätstechniken auswählen

Viele Moderatoren nutzen in einem Workshop eine Kombination mehrerer Kreativitätsmethoden. Sie wechseln  im Takt von einigen Minuten zwischen den Methoden.

Grund dafür ist, dass Teilnehmer häufige, neue Impulse oder Reize benötigen, um die Ideensuche fortzusetzen. Die Impulse durch die Methodenwechsel wecken neues Interesse und fokussieren die Aufmerksamkeit zurück auf das Thema.

Hier unterscheiden sich Methoden des erfinderischen Denkens, also ASIT und TRIZ, ganz wesentlich von anderen Werkzeugen. Anstatt häufig die Methode zu wechseln, wechseln jeweils die "Ideentrigger". Dies sind, unsere Ideensuche leitende, Sätze, die durch das Kombinieren von Objekten und erfinderischen Prinzipien gebildet werden. Ist ein Ideentrigger "abgearbeitet" wird zum nächsten gewechselt. 

Das aktiviert ähnlich stark wie ein Methodenwechsel. Es spart aber gegenüber diesem Zeit, da die Teilnehmer keine neuen methodischen Anleitungen verarbeiten müssen, um weitersuchen zu können. Zudem führt es zu einem wesentlich systematischeren und gründlicheren Durchsuchen des "Lösungsraumes".

Geht es um Autonomie? Besonders die ASIT-Methode wird auch ohne intensive und lange Moderatoren- oder Methodenausbildung und -praxis schnell und erfolgreich eingesetzt.

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